Es war irgendwann vor zwanzig Jahren, als Thomas Mittelstädt, Einzelhandelskaufmann, beschloss, fortan tagsüber zu schlafen. Sein neuer Job auf dem Altonaer Fischmarkt ließ ihm auch kaum eine Wahl. Abends gegen elf kommt die erste Ware, und wenn es gut läuft, dann ist am nächsten Morgen um neun alles verkauft.

Gut abschneiden!

An diesem Julimorgen gegen halb sechs, als es schon hell zu werden beginnt, ist für Thomas Mittelstädt schon fast Feierabend. Die Lage Seezungen, die er gerade mit Eis überschüttet und verkauft hat, wird in zwei Stunden in der Auslage eines Hamburger Fischfachgeschäfts liegen. Alles ist Fisch an diesem Ort, Kabeljau, Rotbarsch, Krebsscheren, Pulpo, Scholle, Steinbeißer, Seeteufel. Man kennt sie nur als Filet aus dem Kochbuch. Hier liegen sie so, wie die Fischer sie aus dem Meer holen, nur ausgenommen sind sie. Fast alle Händler beschäftigen Filetierer, Spezialisten mit ultrascharfen Messern, die in ein paar Sekunden aus einem grätenreichen Plattfisch ein Paar handliche Filets zaubern.

Alles auf Fisch

Einen Architekturpreis wird der Fischmarkt nicht mehr gewinnen. Er ist kalt, steril und vor allem funktional gebaut. Bereits 2009 wurde ein städtebaulicher Wettbewerb zur Weiterentwicklung des Gebiets zwischen dem Elbkaihaus und den Columbia Twins ausgerufen, aber wirklich geschehen ist seitdem nichts.

Hinter den Lade- und Verkaufsrampen der Händler liegen die Verarbeitungsräume und ein kleines Kontor, dahinter ein langer Gang. Versiegelter Betonboden, die Wände sind mannshoch weiß gefliest, und der dichte Hubwagenverkehr nötigt den Besucher immer wieder zu spontanen Ausweichmanövern. Hinter dem Gang wiederum liegen die Kühlräume, in ihnen hat es konstant minus 22 Grad, da fühlt sich frischer Fang am wohlsten. Und Eis, immer wieder Eis, um dem Fisch seine Frische zu erhalten, so lange es eben geht.

Flosse drauf!

Die guten Kunden, die also, bei denen ein Wort noch alles gilt und der Handschlag das Geschäft besiegelt, betreten immer wieder ganz selbstverständlich die Kühlräume wie ihr Wohnzimmer und prüfen die Qualität der Ware. Die ersten Markthändler kommen um zwei, die letzten gegen fünf. Mancher kauft spontan, an diesem Morgen geht ein über einen Meter langer Steinbeißer weg, am Stück. Die meisten aber haben am Vortag bestellt, telefonisch oder per Fax.

Michael Mittelstädt macht sich auf den Heimweg, es ist kurz vor neun. Seine Freundin sieht er abends für ein paar Stunden, wenn sie von der Arbeit und er gerade aus dem Bett kommt. »Das ist eigentlich ganz gut«, meint er abschließend, »da hat man weniger Zeit, miteinander zu streiten.« Und mehr Zeit für den frischen Fisch.